Es ist 23:30 Uhr. Das Thermometer im Schlafzimmer zeigt 29,9° C. Ich kann nicht schlafen.

Ja, wir wohnen unter dem Dach. Die Tageshitze staut sich und kann bei Windstille selbst durch offene Fenster nicht abziehen. Die Fenster sind aber geschlossen. Der Himmel kündigt Regen - hoffentlich Gewitter an.

Ich tigere durch die Wohnung, hin und her. Bald ist es 0:20 Uhr und es hat sich um ein halbes Grad abgekühlt. Es bleibt heiß. Nicht nur unter dem Dach, denke ich. Auch in der Welt. Julian Assange ist wieder daheim - endlich. Aber die Wahrheit über Krieg, Militär, Folter, Machtmissbrauch soll weiter nicht ans Licht kommen. Es bleibt heiß. Irgendwie hat das wohl auch mit dem Klimawandel zu tun - dass wir alle paar Tage eine neue "Jahrhundertkatastrophe" frei Haus geliefert bekommen. Wenn ich auf die letzten 20 Jahre schaue, muss ich wohl schon viele Jahrhunderte durchlebt haben. Es bleibt heiß.

Auch im ganz Privaten, in meiner kleinen Welt, hat sich im letzten Jahr vieles erhitzt - überhitzt. Die Langzeitfolgen sind zu spüren: Unruhe, Kraftlosigkeit, Produktivitätseinbrüche, die nicht mehr depressiven Stimmungsschwankungen zuzuordnen sind. Was kann ich noch leisten, erreichen? Wo lohnt sich der Einsatz noch? Es bleibt heiß. Klar ist, Schönebeck wird nicht unsere Heimat bleiben. Der dienstliche Abschied von Friedensau ist keine 21 Monate mehr entfernt; so alt ist meine älteste Enkelin in Jahren! Und die wurde - gefühlt - doch erst vorgestern geboren. Es bleibt heiß.

Und dann stell ich mir den Ventilator an. Richte ihn auf meinen Körper, atme ruhig, tippe Zeilen in den Computer und denke so bei mir: Wie schön, dass bald Urlaub ist. Wie wunderbar, dass der Kühlschrank funktionert, ein Autoschrauber gestern mein Auto in der Werkstatt "zwischengeschoben" hat (freie Termine erst wieder ab August) und die Lüftung samt Klima-Anlage wieder funktioniert. Wie wichtig, um Wegbegleiter zu wissen. Wie gut, dass der Geist weht, wo er will.  

Geist Gottes. Wie eine frische Brise, die Dankbarkeit einbläst, ohne mich umzuhauen. Es bleibt heiß. Ja, aber nicht nur.

 

Es ist jetzt 1:00 Uhr am Morgen. Bei nur noch 28,8° C.  Geht doch.