Ich kannte sie nicht und doch prägt sie mein Leben. In unserer Küche hängen zwei Bilder von ihr. Heute wäre ihr 125. Geburtstag.
Am 24. April 1901 ist sie in Herten geboren. Ein Kind des Ruhrgebiets mit ostpreußischen Wurzeln. Kind der nächsten Generation. Ihr Vater war Mitte des 19. Jahrhunderts in Ortelsburg geboren und kam der Arbeit wegen ins Ruhrgebiet. Bergmänner waren gesucht. Sie heiratete später meinen Großvater, der 16 Jahre älter war, geschieden, Vater von vier Kindern, die nicht bei ihm lebten. Auch er Bergmann, Kind des Ruhrgebiets mit ostpreußischen Wurzeln. Egal welche Richtung ich bei meinen Vorfahren, die bekannt sind, auch einschlage, ich lande immer in Ortelsburg und Umgebung: Masuren. Irgendwann verstand ich, dass es Menschen im Ruhrgebiet aus dieser Gegend gab mit Fluchtgeschichte, andere ohne, und warum die „Heijjmat“ so präsent war. Das war für meine eigene Geschichte von Bedeutung.
Meine Oma starb 1958, nur zehn Jahre nach ihrem eigenen Vater. Sie war 57 Jahre alt, Mutter von zwei Söhnen, und zu dem Zeitpunkt lebte mein ältester Bruder schon und sie war Oma. Zwei meiner Schwestern hatte sie keine zwei Jahre zuvor zu Grabe getragen, und stand ihrem Sohn, meinem Vater, zur Seite. Die Geburt ihrer nächsten Enkelkinder sollte sie nicht mehr erleben.
Oma Martha hat mich nie in ihren Armen gehalten, mir dennoch manches Mal Mut gemacht. Das Bild, dass sie als junges Mädchen zeigt, spricht von Ästhetik für mich. Auf dem anderen Bild gleicht sie einer Bauersfrau. Ihre Hände können anpacken, ihr Körper hat Präsenz. Die Fülle zeugt von unseren Genen. Mein Vater sprach nicht oft über seine Mutter, doch die beiden Fotos waren ihm wichtig und landeten irgendwann bei mir. Und wenn mein Vater erzählte, „malte“ er für mich das Bild einer patenten, dem Leben zugewandten Frau.
Mein Vater vergewisserte mir mehr als einmal, ich hätte mich mit meiner Oma verstanden. Er erzählte mir immer wieder, dass sie in der Küche um den Küchentisch getanzt sei. Sie liebte das Leben – und hatte doch Schweres erlebt. Nicht nur die zwei Weltkriege. Der Satz von ihr, der tradiert wurde, prägte nicht nur meinen Vater: „wir sind zu arm, um billig einzukaufen“. Sie legte Wert auf Qualität. Das wurde mir vererbt, wie die Freude an der Bewegung. Das Kilos kein Hindernis für Bewegung, Tanz und Ästhetik sind, lernte ich in unserer Familientradition.
Omas Bilder hängen in unserer Küche als Ermutigung. Übrigens zusammen mit einem „Lebensfreude-Bild“ ostpreußischer Frauen, die im Leben meines Mannes eine Rolle spielten, und dem „Gelassenheitsspruch“, der ermutigt Dinge zu ändern, die zu ändern sind, und anderes zu nehmen, wie es ist, dabei in Weisheit beides zu unterscheiden.
In meinem Leben fehlten die Omas und Opas auf beiden Seiten. Nicht jede Familiengeschichte hat in mir die Resonanz, wie die meiner Oma Martha. Sie ist die einzige meiner Großeltern, die in unserem Familienkalender geführt wird, und einen Platz in meinem Alltag hat. Sie ist mir zum Vorbild geworden, auch wenn ich sie nicht kannte. Manchmal braucht es nicht viel, um Spuren zu hinterlassen. Wenn ich sie mir tanzend in der Küche vorstelle – übrigens in dem Haus, in dem ich groß geworden bin – erscheint sie mir echt und authentisch für ihren Sohn gewesen zu sein. Da hat sie bei ihm Eindruck hinterlassen und mich bis heute Resilienz gelehrt, dem Schweren zu trotzen. Und ich denke an das Wort, mit dem wir in das Jahr gestartet sind: „Hoffnungstrotz“. Dankbar bin ich heute an ihrem 125. Geburtstag für Oma Martha, die ich nie persönlich kannte – und die 72 Jahre alt gewesen wäre, als ich zur Welt kam.
24.04.2026 / csb