Als wir im Sommer unerwartet die Reiseroute unseren Urlaub wegen eines Trauerfalls umgeleitet hatten, entstand spontan ein Ritual, das uns begleitete.

Wir trafen Familie und Freunde – unerwartet und ungeplant. Fast jeden Tag andere. Wir wollten nicht einfach vorbeiziehen. Nicht einfach Begegnungen verstreichen lassen. Wir machten Momentaufnahmen. Die ersten Selfies machten wir mit meinem Neffen auf dem Friedhof. Dort trafen wir uns am Grab meines Bruders. Andreas und ich waren kurz auf dem Friedhof, um das eingeebnete Grab meiner Eltern zu sehen und dann noch zum Grab meines Bruders zu gehen. Mein Neffe kam spontan auf den Friedhof, damit wir uns überhaupt sehen würden, denn es war ja gar nicht geplant, dass wir nach Gelsenkirchen fahren wollten und wir sollten nur ein paar Stunden dort verweilen. An dem Tag gab es noch vier weitere Selfies mit Freunden und Familienmitgliedern. Momentaufnahmen – alles Begegnungen, damit wir uns wenigstens kurz live sehen würden.

Nach einer Nacht bei meinem anderen Bruder wieder ein Selfie und dann Weiterfahrt zur Auferstehungsmesse und Beisetzung. Am nächsten Tage folgten wieder Selfies mit Familienangehörigen. Überraschende Besuche bei meiner Nichte und Andreas Tante. Der weitere Urlaub zeigt unsere vielseitigsten Beziehungen: Freunde, Bekannte, Verwandte. Dazwischen „selften“ wir uns selbst: vor Wohnhäusern und Kathedralen, vor Straßenschildern und in Gasthäusern – und mitunter einfach in der Natur, auf Gipfeln, in Wiesen und Wäldern. Das „Selfie des Tages“, so entstand ein ganz persönliches Reisetagbuch unseres Urlaubs. Obendrein blicken wir zurück auf den Reichtum unserer Beziehungen.

Einen Monat später war ich in Hannover. Nach einer Pastorenstudientagung blieb ich für den Geburtstag einer Freundin vor Ort. Zwischen Tagung und Feier besuchte ich andere Freunde. Ebenso spontan, wie so manches Treffen in diesem Jahr stattfand. Diesmal ohne Andreas. Mehrmals an diesem Abend fragte ich mich, ob ich allein unser Ritual fortsetzen wollte und bei einem Besuch von Freunden ein Selfie machen. Für mich schien es an diesem Abend aus mehreren Gründen nicht stimmig. Ich ließ es. Und es war und ist gut so.

Heute, zwei Tage vor Weihnachten, kam die Nachricht, dass Heidrun nicht mehr lebt und wir zwischen den Jahren gemeinsam Abschied von ihr nehmen werden. Kein Selfie mehr mit ihr. Die Chance werde ich nicht mehr haben. Eine Freundin und Wegbegleiterin ist nicht mehr zu erreichen. Sie wird nicht mehr auf Besuch bei uns vorbeikommen, wie sie es im letzten Jahr noch mit ihrem Mann tat. Heidrun wird nicht mehr schreiben, grüßen lassen oder mal anrufen. Auch auf dem nächsten Kongress werde ich sie nicht treffen, wie noch vor zwei Jahren.

Denke ich an Heidrun, die ich mehr als die Hälfte meines Lebens kannte und ihre Töchter aufwachsen sah, denke ich an Tee und Reclam-Hefte, tiefe geistliche und auch gesellschaftlich-politische Themen, gemeinsame Feiern und Besuche, denke ich an Gastfreundschaft und einen Blick für Menschen.

Und das ist es, was heute Abend nachklingt: Momentaufnahmen bleiben Momentaufnahmen, aber Menschen, die unser Leben bereichern und reich machen, gehen Wege mit uns. Mit ihnen teilen wir Geschichte. Unser Kennenlernen begann in Hamburg. Wir trafen uns in Hannover und in der Uckermark, bei Kongressen und in Schönebeck. Wir machten uns zueinander auf den Weg. Wir ließen voneinander hören. Nicht oft, aber treu. Wir nahmen Anteil, mussten uns nicht updaten, sondern trafen uns immer im Moment. Und den lebten wir. Waren im Hier.

Heidrun wusste mit Krankheit zu leben. Krankheit war selten ihr Thema, sondern Leben und Leute. Und am meisten war sie eine Hörende. Zuhörende. Fragende. Wie wertvoll waren die Momente mit ihr. Dankbar blicke ich zurück.