Gerade geht mir auf, dass meine legendäre Deutschlandreise auf dem Drahtesel in diesen Sommer 50 Jahre her ist. Ein Grund zurück zu blicken.

Mit 16 Jahren auf großer Tour. Allein (überwiegend), ohne Handy, ohne Navi, ohne Helm, ohne E-Verstärkung, ja sogar … ohne Gangschaltung. Einfach nur Fahrrad pur. So starteten ein paar Klassenkameraden und ich in Winterberg, Sauerland nach gemeinsamer Bahnfahrt aus West-Berlin. Einen VDO-Tacho hatte ich mir dann doch gegönnt. Höchstgeschwindigkeit, die das mechanische Gerät anzeigte: 70 km/h. Dann war die Nadel am Anschlag. Wie schnell wir also wirklich waren, als wir von Winterberg die Straßen herunterdüsten… lässt sich nicht wirklich feststellen. Die Nadel war jedenfalls streckenweise am Anschlag.

Bald schon trennten sich unsere Wege – das war auch so geplant, denn der Ort meiner Begierde war Mainz... Ein Jahr zuvor hatte ich sie während eines Kuraufenthaltes kennengelernt – seither schrieben wir uns Briefe (auf Papier, mit Tinte, nix E-Mail oder Computer) und warteten sehnsuchtsvoll auf ein Wiedersehen. Zwischenstationen, die ich noch erinnere waren Marburg, Wetzlar, Koblenz, Bingen, mit Unterbringung in Jugendherbergen oder Adventgemeinden, die einem müden Radwanderer auch manches Mal Unterschlupf gewährten.

In Mainz wurde ich herzlich aufgenommen – erst – gleich nach dem Gottesdienst - bei einem adventistischen Arztehepaar, das lange Zeit als Missionsärzte in Indien gedient hatte und mit deren Sohn ich Jahre später im Krankenhaus Waldfriede zusammenarbeiten würde (er als Stationsarzt, ich als Krankenhausseelsorger … aber das wussten wir natürlich damals noch nicht). Das Ehepaar wies mir noch den Weg nach Gonsenheim (was man sich so merkt… das Langzeitgedächtnis funktioniert ganz wundersam) und so erreichte ich sie und ihre Eltern, die mich ebenso herzlich in Empfang nahmen. Eine neue, unbekannte Welt öffnete sich – für ein, zwei oder drei Tage … da verschwimmt die Erinnerung, bevor es über Darmstadt, Heidelberg nach Bruchsal ging – mit weiteren Besuchen bei Kurbekanntschaften, wenn auch ganz anderer Art.

Dann wurde scharf nach rechts abgebogen, Richtung Pirmasens und schließlich ins Saarland. Ob ich dabei eine Abkürzung durch eine kleine Ecke Frankreichs nahm, weiß ich nicht mehr. Gut erinnere ich jedoch, wie ich schließlich in Saarwellingen völlig unangekündigt vor der Haustür meiner Tante stand … (sie lebt noch heute, inzwischen hochbetagt, im gleichen Haus) und Einlass begehrte. Ihre beiden ältesten Töchter waren offenbar von ihrem vagabundierenden Cousin so entzückt (bilde ich mir gerne ein), dass sie mich auf ihren Fahrrädern ein Stück des Wegs begleiten wollten (vielleicht ging es auch nur um ein paar Tage schulfrei, denn sie hatten noch nicht Ferien). Sie setzten bei ihren Eltern ihre ganze Überredungskunst ein. Erfolgreich.

Der Sommer 1976 war (für damalige Verhältnisse) ein heißer Sommer. Inständig bat ich meine stolzen, freiheitsliebenden Cousinen, sie mögen sich etwas auf den Kopf setzen. Nein, das brauchten sie nicht… Abends in der Jugendherberge von Metz zeigten sich die Folgen. Die massive Überhitzung war ihnen nicht bekommen. Am nächsten Tag hatten sie elegant Handtücher um ihren Kopf drapiert – ganz von selbst.

Über Thionville ging die Reise nach Luxemburg, auch dort wieder in die Jugendherberge. Unterwegs Gespräche, deren Bedeutung und Tiefe ich damals nicht verstand. Vielleicht so viel: Die ältere der beiden Cousinen arbeitet heute als Heilpraktikerin für Psychotherapie, insbesondere im Traumabereich. Die Parallelen zu meinem Leben und die gemeinsamen biografischen Wurzeln, die dazu wohl beitrugen, faszinieren mich bis heute – aber bleiben ein geheimnisvolles Ahnen.

Zurück zur Radtour. Manche Jugendherbergen boten ja durchaus „Programm“ an. In Luxemburg war Disco angesagt. Und meine Cousinen wollten unbedingt dorthin. O weh… ich selbst war durch meine Sozialisation so verklemmt, dass mich keine zehn Pferde in eine Disco gebracht hätten. Also wartete ich schweißgebadet aus Sorge um meine Cousinen vor der Disco. Ich glaube, sie haben das bis heute nicht verstanden. Es lässt sich aber leicht erklären… Beide waren nicht nur freiheitsliebend, sondern obendrein wunderschön. Okay – das hätte ich damals sicher nicht so formuliert, aber wahrgenommen hatte ich es sehr wohl. Und mein Verantwortungsgefühl war damals schon unnatürlich stark ausgeprägt.

Was war ich also erleichtert, als ich meine wunderbaren Cousinen wohlbehalten wieder zu Hause abliefern konnte, um sogleich über Trier noch einmal nach Mainz zu reisen. Es war wunderschön und ich glaube, das letzte Mal, dass ich „ihr“ leibhaftig begegnet bin. Irgendwann verlor sich die Spur, entwickelten sich unsere Wege auseinander. Und für die, die es unbedingt wissen müssen… Lange Zeit stand auf meinem Schreibtisch ein Foto von ihr mit einem Baby auf dem Arm. Nein, wir hatten nicht. Es war ihre kleine Schwester. Aber manch einer machte sich so seine Gedanken zu dem Foto. Die sexuelle Revolution von damals war an mir völlig vorbeigegangen. Gut so.

Von Mainz ging es dann irgendwie – ich glaube per Bahn – nach Süddeutschland oder sogar über die österreichische Grenze, wo meine Mutter derweil Urlaub machte und sehnsüchtig auf meinen Reisebericht wartete. Ein paar Tage dort, dann sollte für mich der Weg über den Bayerischen Wald mit dem Rad bis zur innerdeutschen Grenze und von dort mit dem Zug zurück nach Berlin gehen. Doch hat mich Regensburg zur vorzeitigen Aufgabe genötigt. Die Stadt machte ihrem Namen alle Ehre. Ich floh in den Regensburger Dom und lauschte dort eher finsteren Orgelklängen. Bis heute bin ich der Überzeugung, es waren Werke von Max Reger, die der Organist da übte. Jedenfalls war es so gruselig, dass ich statt zur Jugendherberge zum Bahnhof eilte, mir ein Ticket kaufte und den Nachtzug nach Berlin nahm.

Übrigens … am Bahnhof wurde ich das erste und einzige Mal auf dieser Tour von der Polizei kontrolliert. Man wollte wissen, was ein 16 Jähriger so spät auf dem Bahnhof vorhatte. Zum Glück konnte ich mich ausweisen und meine Fahrkarte vorweisen. Sie ließen mich ziehen. Aber ich frage mich, wie das heute ausgegangen wäre. Das Vertrauen, das meine Mutter in mich (und wohl auch den lieben Gott) gesetzt hatte, ist ja nicht unbedingt rechtsgültig. Aber ich fühlte mich tatsächlich zu keinem Zeitpunkt in Gefahr, weder, dass ich meinen Weg nicht finden würde, noch dass mir sonst irgendetwas etwas passieren könnte. Einzig um meine Cousinen hatte ich Sorge.

Schön war’s und 50 Jahre her ist es. Dankbar und staunend blicke ich gemeinsam mit Claudia auf diese Geschichte meines Lebens zurück. Sie war damals übrigens gerade mal drei Jahre alt. Aber das ist eine andere Geschichte.