Nach einem wilden Traum vor der heiligen Nacht 2022 entstand dieser Text. In dem Traum wurde diese Handtasche gestohlen. TRIGGERWARNUNG schwer zu lesen und zu verdauen.

 

Heute Nacht, heilige Nacht.

Las ich im Magnifikat, kurz vor der Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium „er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“, und sprach über Ansehen und Würde in der Predigt letzte Woche, will ich heute Nacht schreiben und schreien für alle, denen das Ansehen, die Würde genommen ist.

Heute Nacht will ich schreiben, für die Frauen, die ihrer Ehre beraubt sind. Frauen, deren Männer andere Wege gehen, deren Not nicht gesehen und deren Würde mit Füßen getreten wird.

Wir beten um Segen, wünschen uns Frieden - am Ende eines jeden Gottesdienstes, im stillen Kämmerlein und vielleicht bei frommem Kerzenschein: Liebster Jesus, ich bin dein. Lichter blinken, Kerzen glühen. 1001 Nacht. Die dunkelste Nacht ist hell erleuchtet: Lichterkette hier, Sterne da, Tannenbaum und Onlinebestrahlung.

Und ich denke an die Frauen, die von ihren Männern verlassen werden, äußerlich, manche innerlich geschlagen. Denke an die Frauen, deren Männer sich mit anderen vergnügen, ob im Internet, auf Weihnachtsmärkten, oder wo auch immer im Bett, auch auf Sofas treiben einige es nett. Frauen, die kein Ansehen finden, weil sie keines Blicks gewürdigt werden. Für die will ich schreiben. Da ist kein Recht. Da kehrt kein Friede ein.

Heute Nacht will ich schreiben, für die Mädchen, die ihrer Ehre beraut sind. Mädchen, deren Väter sich an ihnen vergreifen, deren Grenzen überschritten werden, deren Stimme nicht geachtet wird. Ob von Vätern, Brüdern, Lehrern, Männern auf den Straßen weltweit. Egal, wer du bist, du hast kein Recht ein Mädchen zu schlagen, zu missachten und Hand anzulegen, sie zu demütigen und zu entwürdigen.

Was hat ein Mädchen schon zu sagen, könntest du fragen – und ich sage viel! Heute Nacht feiern wir heilige Nacht und hören an vielen Orten, wie Maria „Ja“ sagte zu ihrem Weg. Ja, zum Leben, dass in ihr wuchs, dass sie zur Welt bringen würde. Heute Nacht feiern wir das Leben. Und ich feiere mit, denke an die wundervollen Mädchen, mit ihren Gaben und Talenten, manch weisen Worten oder verrückten Ideen. Und ich schreibe für sie: lasst sie frei! Bringt die Gedanken zum Tanzen, setzt die Ideen um. Geht euren Weg. Erstrahlt in neuem Licht und erhellt die Welt.

Heute Nacht will ich schreiben und schreien, für die Mädchen, deren Leben jäh ein Ende gesetzt wird, weil ihr Nein nicht gehört wird, Menschen sie verlachen, missachten, vergewaltigen und klein halten, weil ihnen das Recht genommen ist. Das Recht zu leben, frei zu entscheiden und zu wählen. Frei zu sagen Nein und ein Ja zum Leben zu sagen. Zu ihrem Leben, indem sie ihre Wünsche und Träume verwirklichen, wahr werden lassen. Alles ist möglich, der, die vertraut.

Doch wo sind Menschen, die helfen, damit Vertrauen wachsen kann? Wo sind die Orte des Ansehens? Hast Du Zeit für Blickkontakt? Ein Gespräch am Straßenrand? Ein Taschentuch. Eine Hand, die den Rücken stärkt. Ein Wort, das Mut schenkt und aufrichtet. Vielleicht ist es nur das eine Wort. Das Mutmachwort. Für das Mädchen und die Menschen weltweit: Du bist gesehen. Als Mensch. Darin liegt Ansehen, findet sich Würde.

Heute Nacht will ich schreiben, für Kinder, die schreien nach Liebe und Anerkennung. Laut oder leise. Die hungern. Verhungern. Weltweit. Deren Körper nicht genährt sind – oder nur vollgestopft werden. Deren Seelen Nahrung fehlt. Ich will schreiben und schreien für Kinder, die betäubt und vertröstet werden, denen die eigene Kreativität genommen wird, deren Sinne und Gaben weder gefördert noch gefordert werden, die lernen sollen ruhig zu sein. Ihnen will ich eine Stimme geben und bete, dass sie eines Tages aufstehen und ihre Stimme erheben für die Ungerechtigkeit dieser Welt und sie sehen, wie verachtend Menschen miteinander umgehen, weil es Menschen gibt, die sie sehen, ansehen, ihnen Werte und Würde weitergeben.

Maria jubelt im Herzen, weil sie gesehen ist. Maria bewegt Worte im Herzen, weil Fremde ihr Zuspruch gaben, sie ermutigten auf ihrem Weg.

Das, was in dieser ersten, heiligen Nacht geschah, war anderes, neu, empörend – und das Wunder was geschah: Menschen wendeten sich nicht ab, sondern gingen hin: um zu sehen, zu verstehen.

Menschen machten sich auf den Weg, lobend, anerkennend, im eigenen Herzen gerührt. Berührt. Weil Worte nicht nur ans Ohr drangen, sondern Mitten ins Herz trafen. Dort heilten und erhellten.

Weil Menschen einander begegneten. Von Du zu Du. Sehend, hörend, tastend, fragend, hoffend, suchend, vertrauend.

Ich vertraue, dass Worte bewegen, berühren, verändern – bis heute.

Weil einer da war, der mich ansah und sprach: ich sehe dich. Ich liebe dich. So, wie du bist. Würdevoll.

Heute Nacht. Heilige Nacht.

Der Ehre gedacht.

Deiner Ehre: Sei Mensch. – Sei Du selbst. – Lebe! – Schenk dem Leben Raum und Ansehen.

Wachstum beginnt im Herzen und Liebe zeigt sich, wo das Herz betrachtet und den anderen in seiner Würde achtet. Nicht nur heute Nacht – sondern jeden Tag neu.

Gedankensplitter und Lichtstrahlen