Christ Church Cathedral, St. Louis

Ich bin gerade von einer insgesamt 10 tägigen USA Reise zurück, wo ich die Weltsynode meiner Freikirche als Delegierter erleben ... musste.  Doch möchte ich hier von zwei geistlichen Höhepunkten berichten - die so weit auseinanderliegen, dass sie wahrlich nicht zusammenpassen. Oder vielleicht doch?

In der Stadt St. Louis angekommen, war ich erstaunt, wie tot die Stadt schien. Menschenleere Straßen, anscheindend leergezogene Bürotürme, die schon bessere Zeiten gesehen haben, geschlossene Geschäfte und Restaurants, Straßenbeläge in so desolatem Zustand, dass deutsche Autofahrer nur mit dem Kopf schütteln können. Nichts los in der Stadt, von der ich später noch höre, dass sie die höchste pro Kopf Mordrate der USA hat. "Gibt es hier auch Kirchen?" frage ich mich. Und werde fündig.

Christ Church Cathedral ist eine episkopale Kirche (d.h. in der anglikanischen hochkirchlichen Tradition) mitten im Herzen von Downtown St. Louis.  Nichts wie hin! Leider stehe ich vor verschlossenen Türen. Doch finden sich im Internet die Abendgebete aus dieser Kirche. Unaufgeregt, nüchtern begrüßt die Geistliche der Gemeinde, the Very Reverend Kathie Adams Shepherd (ja, sie heißt wirklich: Hirte Adams mit Namen!)  aus ihrem Zimmer und liest eine lange Liste von Gebeten und Bibeltexten, stimmt zwischendurch mit wunderschöne Stimme ein Lied a capella an, rezitiert auch mal ein Gedicht und beendet das Abendgebet ("compline") mit einem Segen. Für freikirchliche Ohren sehr gewöhnungsbedürftig und doch seltsam kraftvoll. Da möchte ich doch mal erleben, wie ein Gottesdienst aussieht!

So gehe ich also am Pfingstsonntag in den Frühgottesdienst der episkopalen Kathedrale. Wie wohl überall, ist der Frühgottesdienst (8:00 Uhr!) eher spärlich besucht. Aber es sind freundliche Menschen, die offensichtlich etwas vom Kirchenjahr verstehen. Fast kein Besucher, der nicht irgendetwas "rotes" trägt - die liturgische Farbe des Pfingstfestes. Die Liturgie ist entsprechend der Episkopalen Tradition mit langen Lesungen verbunden. Die Predigt von Dean Kathie, wie ihre Gemeindeglieder sie liebevoll nennen, hat es in sich. Kraftvoll und relevant spricht sie über Pfingsten, über den Unterschied zwischen integrierendem Pfingsten und eher ausschließendem Habitus mancher pfingstlicher Gemeinde, trägt auch die Themen vor, die ihr besonders am Herzen liegen: die andauernde Waffengewalt (es waren ja gerade wieder größere Amokläufe in den USA zu beklagen) und Abtreibungsrecht, das in den USA gerade zu kippen droht und die reproduktive Gesundheit zahlreicher Frauen dramatisch gefährdet, weil selbst medizinisch indizierte Abtreibungen verboten werden könnten. So viel geballt Aktualität und Relevanz in einem Gottesdienst ... wollte erst einmal verdaut werden. Ein herausfordernder geistlicher Höhepunkt für mich - in beeindruckendem Ambiente einer Kathedrale in einer der  Frühgothik nachempfundenen Kreuzform ... mit Glocken aus Deutschland.

IMG 2747Mein Aufenthalt in St. Louis endete mit einem ganz anderen geistlichen Erlebnis. Auf dem Weg zum Flughafen sah ich einen Straßenmusikanten vor der Metrostation sitzen - in der Hand sein schweres, viel gespieltes Saxophon. Ich blieb stehen, in der Hoffnung, ein paar Töne zu hören, bevor ich zum Flieger weiter musste. Statt dessen kamen wir ins Gespräch. Er spiele seit vielen Jahren, er sei obdachlos, habe auch viel Zeit seines Lebens im Gefängnis verbracht. Dort habe er auch ein Gedicht geschrieben über das Leben im Gefängnis. Und dann beginnt er das Gedicht zu rezitieren - mit einer Wucht, die mich beeindruckt. Es spricht von dem Gefühl im Käfig zu sein, spricht von der Schuld und der Einsamtkeit, von den Wachtürmen, von denen aus man ständig beobachtet wird. Das Gedicht hat die Kraft, die Melodie eines alten Spirituals. Es ist lang - doch der alte Mann rezitiert ohne zu Stocken das ganze lange Lied. Es hat sich ihm eingebrannt. Er habe das Gedicht auch im Gefängnis selbst weitergetragen - und alle, die es gehört haben, konnten sich damit identifizieren. Es ist kein geistliches Lied, doch ist zu spüren, wie Gott diesen Mann hält. Seine Augen leuchten und ich bin gesegnet.